Mein Handy leuchtet auf und Usher schreit mir sein 'Oh my Gosh' in die Ohren. Ich schlag die Augen auf, setze mich auf und schalte den Wecker aus. 5:55 Uhr zeigt die Uhr. Ich fall wieder zurück ins Kissen und will am liebsten für immer liegen bleiben. Nocheinmal schau ich aufs Handy. 24.10.2011. Heute hat sie Geburtstag, denke ich mir. Seufzend stehe ich auf und trotte langsam ins Bad. Ich zieh mich aus und stell mich unter die Dusche. Heute hat sie Geburtstag. Heute hat sie Geburtstag. Heute hat sie Geburtstag. Ich lass mir das eiskalte Wasser ins Gesicht strömen und hoffe dass ich deswegen vielleicht ein bisschen klarer denken kann. Ich weiß nicht wielange ich unter der Dusche stand, aber es scheint lange gewesen zu sein. Irgendwann klopfte der Freund meiner Mutter an die Tür und beschwerte sich dass ich keine Rücksicht auf ihn nehme. Weil ich sowieso fertig war, zwang ich mich aus der Dusche zugehen, obwohl mein größter Wunsch in diesem Moment war einfach mit all dem Wasser im Abfluss zu verschwinden. Ich trocknete mich ab, band mir meinen Bademantel um, schloss die Tür auf und rauschte - an dem Freund meiner Mutter vorbei ohne ihn eines Blickes zuwürdigen - in mein Zimmer. Im Zimmer angekommen, schaute ich mich im Spiegel an. Die gesamte Wimperntusche, die ich gestern Abend nicht mehr abgeschminkt hatte, ist mir übers Gesicht gelaufen. Ich griff zum Abschminkzeug und machte mein Gesicht sauber, cremte mich ein und sah mich noch lange im Spiegel an. Heute hat sie Geburtstag. Ich gucke mir in die Augen und würde am liebsten auf den Spiegel einschlagen. Heute hat sie Geburtstag. Ich drehe mich ruckartig um, sonst wäre es wohl wirklich passiert dass ich den Spiegel zerschlage. Ich schalte den Pc ein, setze mich davor und föhne mir währenddessen die Haare. Während dem anziehen bemerke ich, dass sie wach geworden ist. Heute hat sie Geburtstag. Mir wird schlecht. Ich ziehe mich fertig an, öffne die Tür und laufe ins Bad, wo sie sich gerade die Zähne putzt. Ganz ruhig, jedes Jahr aufs neue! Du schaffst das! Ich versuche zu lächeln, wünsche ihr alles Gute zum Geburtstag und warte auf ihre Reaktion. Sie bedankt sich und guckt mich erwartungsvoll an. Jetzt kommt der Punkt, wie jedes Jahr, an dem ich das Geschenk überreichen muss. Also renne ich ins Zimmer, packe das Geschenk und renne wieder zurück. Ich drücke ihr das kleine hellblaue Päcken mit der großen Schleife in die Hände und sie stammelt etwas unverständliches, was ich als Dankeschön gezählt hab. Auch sie weiß nicht wie sie mit der Situation umgehen soll. Ich hab sie nicht umarmt. Ich hab ihr nicht die Hand geschüttelt. Ich war einfach nur froh dass ich diese kleine Hürde wiedereinmal geschafft habe. Eigentlich müsste ich ihr nichts schenken. Sie hat das alles garnicht verdient. Aber ist es nicht einfach Pflicht der eigenen Mutter etwas zum Geburtstag zu schenken? Also ich fühle mich immer verpflichtet dazu, also hab ich, wie jedes Jahr, mit meinen Geschwistern zusammen gelegt und hab ihr ihr Lieblingsparfüm gekauft. Furchtbar uneinfallsreich und unpersönlich, aber ich habe keine Ahnung was ich ihr sonst schenken sollte. Und ganz ehrlich, sie kann froh sein dass sie überhaupt etwas bekommt.
Als ich wieder in meinem Zimmer war musste ich mich erstmals aufs Bett setzen. Ich war unendlich froh es wiedereinmal hinter mich gebracht zu haben. Wiedereinmal musste ich zum Spiegel. Ich sah mich an und bekam Gänsehaut. Wer ist nur dieses Mädchen dass mich Tag für Tag im Spiegel anstarrt? Ich fing an mir meine Maske aufs Gesicht zu pinseln. Mit der Schicht Schminke kommt auch meine Fröhlichkeit. Fertig mit schminken, lächelte ich mich selbst im Spiegel an um sicher zu gehen dass mein Lächeln glaubwürdig aussieht. Jeden Morgen versuche ich so lange wie möglich im Zimmer zu bleiben, aber jetzt musste ich raus. Ich ging ins Bad und putzte mir die Zähne. Meine Mutter kommt rein und mustert mich von oben bis unten. Meine Klamottenwahl hat ihr warscheinlich wiedermal nicht gepasst, aber sie sagt schon garnichts mehr.
"Hast du gestern Nacht nicht gehört, wie ich mich übergeben hab?" "Nein. Was war los?" "Ich hab warscheinlich die Medikamente nicht vertragen. Komisches Gefühl. Das letzte mal hab ich mich in deiner Schwangerschaft übergeben." "Achso..." "Bei dir ist es doch auch schon ein paar Jahre her, nicht?" "Äh, ja klar. Ist schon ein bisschen her!" Gestern. Gestern. Gestern. Ich hab ihr voll ins Gesicht gelogen, aber das größte Problem ist dass sie genau weiß dass ich nicht die Wahrheit gesagt hab. Ich verwette alles was ich habe darauf dass sie sich gestern Nacht nicht übergeben hat, sondern nur irgendwie auf dieses Thema kommen wollte. Wieso sollte sie sonst mit mir über sowas reden? Sie redet doch sonst nicht mit mir! "Du hast übrigens nur noch 10 Minuten bis 8 Uhr." Ich gucke auf die Uhr. Scheiße, in 5 Minuten klingelt es zur ersten Stunde. Ich ziehe schnell Schuhe und Jacke an, fahre den Pc runter, packe die restlichen Sachen, die noch auf dem Bett liegen, in meine Tasche und renn zur Tür. Ich stammel ein 'Bis nachher' und renne die Treppen runter, hinaus in die eisige Kälte. Heute hat sie Geburtstag. Verdammt! Der Tag kann doch nur noch schlimmer werden.

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